Gefühlstaubheit bezeichnet einen Zustand deutlich verminderter oder abgeflachter emotionaler Wahrnehmung, bei dem Gefühle als gedämpft, fern oder „abgeschaltet“ erlebt werden. In der Psychologie wird dieses Erleben als hypoaffektiver Zustand beschrieben, der häufig situations- und stressabhängig auftritt. Neurobiologisch lässt sich Gefühlstaubheit als Ergebnis einer Schutz- und Regulationsreaktion verstehen: Bei anhaltender Übererregung, Überforderung oder nicht auflösbaren Konflikten dämpft das Nervensystem die bewusste emotionale Verarbeitung, um die Gesamtbelastung zu reduzieren.
Beteiligt sind Veränderungen in der Interaktion zwischen limbischen Systemen (u. a. Amygdala), der Insula (Interozeption, Gefühlswahrnehmung) und präfrontalen Kontrollnetzwerken. Unter chronischem Stress oder Erschöpfung kann es zu einer funktionalen Entkopplung kommen: Körperliche Aktivierung bleibt vorhanden, während die bewusste emotionale Resonanz abgeschwächt ist. Dies erklärt, warum Gefühlstaubheit oft mit innerer Leere, Motivationsverlust, eingeschränkter Freude (Anhedonie-ähnlich, ohne Diagnose) oder reduzierter Empathie einhergeht.
Psychologisch erfüllt Gefühlstaubheit kurzfristig eine Schutzfunktion. Sie verhindert eine weitere Eskalation von Affekten, erleichtert Funktionieren unter Belastung und reduziert akute Überforderung. Langfristig kann sie jedoch die Selbstregulation, Beziehungsqualität und Entscheidungsfindung beeinträchtigen, da emotionale Signale als Orientierungsinformationen fehlen. Wichtig ist die klare Abgrenzung: Gefühlstaubheit ist nicht per se pathologisch und keine Diagnose. Sie beschreibt einen reversiblen Regulationszustand, der kontextabhängig ist und sich mit Erholung, reduzierter Stresslast und verbesserter Aufmerksamkeits- und Körperwahrnehmung verändern kann.
Im Coaching-Kontext dient der Begriff dazu, Belastungszustände, Erschöpfung und Schutzstrategien zu verstehen. Ziel ist es, die Funktion der Dämpfung einzuordnen, Ressourcen und Erholungsfenster zu stärken sowie Wahrnehmung und Differenzierung schrittweise zu verbessern – ohne therapeutische Interventionen.

