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Funktionen des akuten und chronischen Schmerzes (Warnung, Schutz, Verhalten, Emotionen)

Schmerz erfüllt aus biologischer, neuropsychologischer und verhaltenswissenschaftlicher Perspektive mehrere zentrale Funktionen, die für Überleben, Anpassung und Selbstschutz entscheidend sind. Akuter Schmerz ist ein hoch adaptives Warnsignal, das durch Nozizeptoren ausgelöst und über schnell leitende neuronale Bahnen an das zentrale Nervensystem übermittelt wird. Diese Form des Schmerzes schützt vor Gewebeschädigung und löst unmittelbare Reflexe aus (z. B. Zurückziehen, Schonung, Immobilisation), die Schäden begrenzen und Heilungsprozesse unterstützen.

Chronischer Schmerz dagegen entsteht, wenn Schmerzsignale über Monate bestehen bleiben und sich neuronale Verschaltungen im Rückenmark, Hirnstamm und Kortex verändern (zentrale Sensitivierung). Obwohl chronischer Schmerz nicht mehr direkt mit Gewebeschaden korreliert, erfüllt er häufig weiter Schutz- und Verhaltensfunktionen, etwa Vorsicht, Rückzug oder Energieeinsparung. Psychologische Faktoren wie Aufmerksamkeit, Bewertung, Erwartung, Stressphysiologie und emotionale Verarbeitung modulieren chronischen Schmerz stark — weshalb wissenschaftliche Modelle ihn heute als multidimensionales biopsychosoziales Phänomen einordnen.


1. Warnfunktion (akuter Schmerz)

Akuter Schmerz signalisiert drohende oder bestehende Gewebeschädigung.
Dazu gehören:

  • Aktivierung von Nozizeptoren bei Hitze, Druck, Entzündung
  • rasche Weiterleitung durch A-Delta-Fasern
  • sofortige Handlungsimpulse (Reflexe)
  • fokussierte Aufmerksamkeit auf die Gefahrenquelle

Diese Warnfunktion ist der evolutionäre Kern von Schmerz.


2. Schutzfunktion (akuter & subakuter Schmerz)

Schmerz sorgt dafür, dass verletzte Körperteile geschont werden, indem er:

  • Bewegungen hemmt
  • Energie für Heilung verfügbar macht
  • riskante Belastungen verhindert
  • Schonhaltungen induziert

Diese Mechanismen sind biologisch nützlich, können aber bei chronischer Dauer maladaptiv werden.


3. Verhaltenssteuerung (akut & chronisch)

Schmerz beeinflusst unmittelbar das Verhalten. Dazu gehören:

  • Rückzug aus Gefahr
  • Suche nach Erholung
  • Schonung
  • Aktivitätsmodifikation
  • bei chronischem Schmerz: Vermeidung, Überanpassung, Hypervigilanz

Die Forschung zeigt, dass Erwartungen, Aufmerksamkeit und Bewertung die Stärke und Dauer der Schmerzreaktion beeinflussen.


4. Emotionale Funktionen

Schmerz ist eng mit Emotionen verknüpft.
Er erzeugt oder verstärkt:

  • Angst (Bedrohungserkennung)
  • Ärger (Verlust an Kontrolle)
  • Traurigkeit (Energieverlust)
  • Stress (HPA-Achse, Sympathikusaktivierung)

Emotionen dienen dabei als Verstärker für Schutz- und Rückzugsverhalten.
Chronischer Schmerz verändert die emotionale Verarbeitung und kann Stimmung, Motivation und soziale Interaktion beeinflussen — ohne dass dies pathologisiert werden muss.


5. Soziale Funktionen

Wissenschaftlich gut belegt ist ein sozialer Signalcharakter von Schmerz.
Er kann:

  • Hilfe mobilisieren
  • Schutz durch andere aktivieren
  • soziale Bindung stärken
  • Rücksicht und Unterstützung auslösen

Chronischer Schmerz kann soziale Rollen jedoch auch verändern (Rückzug, Abhängigkeit, Überkompensation).


6. Kognitive & aufmerksamkeitsspezifische Funktionen

Schmerz lenkt Aufmerksamkeit auf den Körper, steigert Bedrohungsmonitoring und beeinflusst Bewertungen:

  • Fokus auf Gefahrenquellen
  • Bewertung von Bewegung, Belastung oder Situationen
  • Zukunftserwartungen (positiv oder negativ)

Diese Mechanismen sind für Akutschmerz funktional, können aber bei chronischer Dauer zu Hypervigilanz oder Katastrophisierung beitragen.


7. Stressphysiologische Funktionen

Schmerz löst eine Aktivierung des Stresssystems aus:

  • HPA-Achse (Cortisol)
  • Sympathikus (Herzfrequenz, Atmung)
  • Schutzspannung der Muskulatur
  • Schmerz-Stress-Schmerz-Kreisläufe

Gerade bei chronischem Schmerz zeigen sich stabile Wechselwirkungen zwischen Stressphysiologie und Schmerzwahrnehmung.