Essverhalten bezeichnet das Zusammenspiel aus physiologischen Hunger- und Sättigungsmechanismen, emotionalen Zuständen, kognitiven Bewertungen, erlernten Routinen und sozialen sowie kulturellen Einflüssen, die bestimmen, wann, wie, warum und was Menschen essen. In der wissenschaftlichen Literatur umfasst Essverhalten sowohl biologische Steuerungsprozesse (z. B. Hypothalamus, Hungerhormone wie Ghrelin, Sättigungssignale wie Leptin, Glukoseverfügbarkeit, Stresshormonregulation), als auch psychologische Einflussfaktoren wie Stressverarbeitung, Impulskontrolle, Emotionsregulation, Belohnungslernen und Gewohnheitsbildung.
Aus stressphysiologischer Perspektive ist das Essverhalten eng mit dem Belohnungssystem (dopaminerge und opioiderge Bahnen), dem autonomen Nervensystem, der HPA-Achse (Cortisol), sowie der Darm-Hirn-Achse verknüpft. Unter Belastung werden Entscheidungen über Ernährung oft stärker durch kurzfristige Belohnungsimpulse, reduzierten präfrontalen Kontrollzugriff und erhöhte emotionale Aktivierung beeinflusst. Dadurch können stressmodulierte Essmuster wie emotionales Essen, impulsives Essen, Unterdrücken von Hungersignalen, Routinenverschiebungen oder kompensatorisches Essverhalten entstehen — ohne diese Muster klinisch zu pathologisieren.
Psychologisch betrachtet ist Essverhalten ein multidimensionaler Selbstregulationsprozess, der Wahrnehmung (Interozeption), Bewertung (z. B. Essregeln, Glaubenssätze), Motivation (z. B. Belohnungserwartung), Verhalten (Menge, Tempo, Timing) und sozialen Kontext umfasst. Auch kulturelle Normen, familiäre Prägungen, soziale Rollen und Alltagsstrukturen sind nachweislich relevante Einflussgrößen.
Im Coaching-Kontext kann Essverhalten verwendet werden, um Selbstwahrnehmung, Stressmuster, Regulationsmechanismen, Gewohnheitsdynamiken und Belastungsauslöser zu reflektieren, ohne therapeutische Interventionen im Sinne klinischer Essstörungen vorzunehmen. Essverhalten wird damit zu einem Spiegel dafür, wie Menschen ihre Energie, Emotionen, Routinen und Prioritäten organisieren.

