A) Klinisch-psychiatrische Definition (präzise, abgegrenzt, nicht therapeutisch)
In der klinischen Psychologie und Psychiatrie bezeichnet Dermatillomanie bzw. Excoriation Disorder eine wiederkehrende, schwer kontrollierbare Neigung, an der eigenen Haut zu kratzen, zu drücken oder zu manipulieren, was zu sichtbaren Hautläsionen führt. In Klassifikationen wie DSM-5 wird das Verhalten als Teil der „Obsessive and Related Disorders“ eingeordnet. Typisch sind Phasen erhöhter innerer Spannung oder unangenehmer emotionaler Erregung vor dem Verhalten sowie kurzfristige Entlastung oder Beruhigung unmittelbar danach. Das Entscheidende ist nicht die Intensität des Kratzens, sondern der Verlust der willentlichen Kontrolle und die funktionale Verknüpfung mit Stress, emotionaler Belastung oder Anspannung.
Wichtig: Diese klinische Einordnung dient ausschließlich der sachlichen Abgrenzung und ersetzt keinesfalls Diagnostik oder Therapie.
B) Psychologisch-sachliche, wissenschaftliche Beschreibung (nicht-diagnostisch, coaching-kompatibel)
Jenseits der klinischen Perspektive lässt sich Dermatillomanie im breiteren psychologischen Kontext als stressmoduliertes, körperorientiertes Regulationsverhalten verstehen. Das Verhalten tritt häufig in Situationen emotionaler Übererregung, innerer Anspannung, Unterforderung, Grübeln oder starkem Kontrollbedürfnis auf. Aus regulativer Sicht fungiert das Hautmanipulieren als kurzfristige Fokussierungsstrategie, die:
- Ablenkung von belastenden Gedanken schafft
- körperliche Spannung reduziert, indem der Fokus auf einen konkreten sensorischen Reiz gelenkt wird
- eine Form von selbstbezogener Kontrolle vermittelt, wenn innere oder äußere Anforderungen als überwältigend erlebt werden
- die Aufmerksamkeit verengt, wodurch mentale Überforderung oder emotionale Unruhe subjektiv nachlässt
Physiologisch lassen sich dabei Aktivierungsmuster beobachten, die mit erhöhter sympathischer Erregung, verminderter Selbstwahrnehmung, kognitiver Engführung und teilweise reduzierter Interozeption zusammenhängen. Das Verhalten ist also nicht „irrational“, sondern erfüllt einen kurzfristig regulierenden, aber langfristig dysfunktionalen Zweck.
In einem Coaching-Kontext kann es hilfreich sein (ohne therapeutisch zu arbeiten):
- das Funktionsprinzip des Verhaltens zu verstehen
- Situationen, in denen das Verhalten auftritt, systemisch zu reflektieren
- Stress- und Erregungsmuster einzuordnen
- alternative, nicht beschädigende Regulationsstrategien zu entwickeln (keine Therapie, keine Symptombehandlung)
- das Körper-, Aufmerksamkeits- und Emotionsprofil der betreffenden Person analytisch zu betrachten
Das Ziel ist keine Behandlung, sondern Orientierung, Selbstwahrnehmung, Stressreflexion und Selbstregulation.

