A) Klinische, wissenschaftlich etablierte Definition (Abgrenzung)
In der klinischen Psychologie und Psychiatrie bezeichnet Binge Eating Episoden von deutlich erhöhter Nahrungsaufnahme innerhalb kurzer Zeiträume, begleitet von Kontrollverlust („Loss of Control Eating“). Charakteristisch ist eine Aufnahme großer Nahrungsmengen in einem begrenzten Zeitraum und ein Gefühl, mit der Esshandlung nicht mehr aufhören oder sie nicht steuern zu können. Diese Definition findet sich in internationalen Manualen (DSM-5, ICD-11) und dient der Diagnose. Genau diese klinische Bedeutung wird im Coaching jedoch nicht verwendet, da sie therapeutische Kompetenz und Diagnostik erfordert.
B) Nicht-diagnostische, psychologisch-funktionale Definition (Coaching-geeignet, evidenzbasiert)
Im nicht-klinischen Kontext beschreibt Binge-Eating-Verhalten die Tendenz, Essen als kurzfristige Stress- oder Emotionsregulation einzusetzen, insbesondere bei hoher Belastung, Erschöpfung, emotionaler Überforderung oder reduzierter Selbstregulation. Es handelt sich dabei nicht um eine Essstörung, sondern um ein stressreaktives Verhaltensmuster, das durch folgende Mechanismen begünstigt wird:
1. Neurobiologische und stressphysiologische Mechanismen
- Dopaminerges Belohnungssystem: Hochverarbeitete, süße oder fettige Lebensmittel erzeugen starke dopaminerge Reize und wirken kurzfristig stimmungsregulierend.
- Cortisol und Stress: Erhöhte Cortisolspiegel fördern impulsives Essverhalten, insbesondere in Ruhephasen nach stressigen Perioden.
- Impulskontrolle und Präfrontalkortex: Unter Belastung sinkt die kognitive Hemmung, während Belohnungsorientierung steigt.
- Serotonerge Mechanismen: Kohlenhydratreiche Nahrung steigert serotonerge Aktivität, was kurzfristig eine emotionale Beruhigung erzeugen kann.
2. Psychologische und verhaltensbezogene Einflussfaktoren
- Emotionsregulation: Essen dient oft der Abmilderung negativer Emotionen (Traurigkeit, Stress, Spannung, Langeweile).
- Kognitive Erschöpfung: Mentale Müdigkeit senkt Willenskraft und fördert Automatismen.
- Gewohnheitslernen: Wiederkehrende Nutzung von Essen als Bewältigungsstrategie verstärkt das Verhalten.
- Aufmerksamkeitsverengung: Stress reduziert Wahrnehmung für Bedürfnisse, Hunger- und Sättigungssignale.
3. Biopsychosoziale Zusammenhänge
- Soziale Faktoren: Alleinessen, Scham, soziale Überforderung und familiäre Essmuster wirken verstärkend.
- Schlafmangel: Beeinflusst Ghrelin-/Leptin-Balance und erhöht Heißhunger.
- Energiehaushalt: Chronische Erschöpfung begünstigt schnelle, hochkalorische Energiezufuhr.
- Selbstkritik: Negative Selbstbewertung verstärkt selbstabwertende oder kompensatorische Essmuster.
4. Funktionale Bedeutung
Im stressbedingten Kontext erfüllt Binge-Eating-Verhalten häufig folgende kurzfristige Funktionen:
- Reduktion innerer Spannung
- emotionale Betäubung oder Ablenkung
- kurzfristige Energieversorgung bei Erschöpfung
- schneller Abbau hoher Erregung
- Übergang aus Übererregung in eine beruhigte, aber dysregulierte Phase
Langfristig ist es jedoch nicht funktional, da es Selbstregulation, Stoffwechsel, Schlaf, Selbstwert und Stresssystem belastet.
5. Relevanz im Coaching (klar nicht therapeutisch)
Im Coaching können reflektiert werden:
- individuelle Stressmuster und Trigger
- Zusammenhang zwischen Erregungsniveau und Essimpulsen
- neuropsychologische Mechanismen, die zu impulsivem Essen führen
- alternative, nicht-pathologisierende Erklärungsmodelle
- Aufbau von Selbstregulationskompetenzen (Atmung, Pausen, Routinen)
- Stärkung von Körperwahrnehmung und Sättigungssignalen
- Reduktion von Scham und Selbstkritik
Keine Diagnostik, keine Therapie — stattdessen Wissensvermittlung, Mustererkennung und Selbstregulation.

