Bewältigungsstrategien – in der Psychologie als Coping-Strategien bezeichnet – sind psychologische, kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Prozesse, mit denen Menschen innere oder äußere Anforderungen regulieren, die ihre Kompetenzen oder Ressourcen übersteigen könnten. In der Stressforschung gelten Bewältigungsstrategien als zentrale Mechanismen, um Belastungserleben, Stressreaktivität, emotionale Stabilität sowie langfristige Gesundheit zu beeinflussen. Evidenzbasierte Modelle wie das transaktionale Stressmodell (Lazarus & Folkman) zeigen, dass Bewältigung kein einzelnes Verhalten ist, sondern ein dynamischer Prozess, der aus Bewertung, Regulierung, Handlung und Anpassung besteht. Je nach Kontext, Ressourcen und individueller Stressphysiologie können bestimmte Strategien funktional oder dysfunktional sein, ohne dass dies eine klinische Bedeutung hat.
Wissenschaftliche Einordnung und Mechanismen
Bewältigungsstrategien lassen sich in mehrere evidenzbasierte Kategorien einordnen:
1. Problemorientierte Bewältigung
Diese Strategien zielen darauf ab, eine belastende Situation aktiv zu verändern oder zu lösen.
Dazu gehören:
- Informationssuche
- Planung
- Priorisierung
- direkte Handlung
Sie reduzieren Stress besonders effektiv, wenn die Situation kontrollierbar ist.
2. Emotionsorientierte Bewältigung
Ziel ist die Regulierung emotionaler Reaktionen auf Belastungen.
Dazu zählen:
- emotionale Neubewertung (Reappraisal)
- Akzeptanz
- Emotionsdifferenzierung
- körperbasierte Regulation
Diese Strategien wirken stabilisierend, wenn äußere Bedingungen nicht sofort veränderbar sind.
3. Bewertungsbezogene Bewältigung
Hier wird die Bedeutung einer Situation aktiv umgedeutet.
Wichtige Prozesse:
- Neubewertung
- Sinnfindung
- Perspektivwechsel
Dies mindert Stressreaktivität nachweislich über präfrontale Kontrollnetzwerke.
4. Vermeidung und Rückzug
Kurzfristig entlastend, langfristig oft belastungsverstärkend.
Beispiele:
- Prokrastination
- gedankliche Ausweichbewegungen
- sozialer Rückzug
Diese Strategien sind nicht „falsch“, werden jedoch unter Stress häufig übermäßig aktiviert.
5. Körperbasierte Bewältigung
Bezieht physiologische Regulation ein:
- Atemtechniken
- Bewegung
- Erholungsroutinen
- Spannungsreduktion
Sie beeinflussen direkt Sympathikus, Parasympathikus und HPA-Achse.
6. Soziale Bewältigung
Nutzung von Beziehung und Kommunikation:
- soziale Unterstützung
- Kontaktaufbau
- verbale Verarbeitung
Soziale Sicherheit reduziert die Stressreaktivität messbar.
7. Sinn- und werteorientierte Bewältigung
Stabilisiert durch übergeordnete Orientierung.
Beispiele:
- wertebasierte Entscheidungen
- Bedeutungsklärung
- langfristige Zielausrichtung
Physiologische Dimension
Bewältigungsstrategien beeinflussen zentrale Stresssysteme:
- autonome Regulation (Sympathikus/Parasympathikus)
- neuroendokrine Achsen (v. a. Cortisol)
- neuronale Bewertungsnetzwerke (präfrontal vs. limbisch)
- Entzündungsmarker bei chronischer Belastung
Effektive Coping-Prozesse führen zu messbar verbesserter Stressregulation.
Relevanz im Coaching (nicht therapeutisch)
Coaching kann unterstützen, indem es:
- Bewältigungsmuster sichtbar macht
- funktionale und dysfunktionale Anteile kontextbezogen reflektiert
- Ressourcen, Kompetenzen und Selbstwirksamkeit stärkt
- regulative Fähigkeiten (emotionale, kognitive, körperliche) einordnet
Nicht Bestandteil sind klinische Diagnosen oder Trauma-Bearbeitung.

