Bedrohung bzw. Gefahr bezeichnet in der Psychologie und Neurobiologie die antizipierte oder wahrgenommene Möglichkeit eines Schadens für körperliche Unversehrtheit, soziale Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle oder Zielerreichung. Entscheidend ist nicht die objektive Lage, sondern die Bewertung durch das Nervensystem. Diese Bewertung entsteht schnell, überwiegend automatisch und basiert auf der Integration von Sinnesreizen, Gedächtnisinhalten, Lernerfahrungen und Kontextsignalen.
Neurobiologisch wird Bedrohungsverarbeitung primär über Amygdala-basierte Netzwerke initiiert, die Relevanz und Dringlichkeit einschätzen, sowie über präfrontale Areale, die Kontext, Wahrscheinlichkeit und Handlungsoptionen bewerten. Bei als bedrohlich eingestuften Reizen werden Stresssysteme aktiviert (Sympathikus, HPA-Achse), was zu erhöhter Erregung (Arousal), fokussierter Aufmerksamkeit, beschleunigter Entscheidungsfindung und vorbereitendem Schutzverhalten führt. Diese Reaktionen sind evolutionär adaptiv und erhöhen kurzfristig Überlebens- und Handlungsfähigkeit.
Psychologisch lassen sich Bedrohungen in verschiedene Kategorien einteilen:
- Physische Bedrohung (Verletzung, Krankheit)
- Soziale Bedrohung (Ablehnung, Statusverlust, Bewertung)
- Leistungsbezogene Bedrohung (Versagen, Fehlerfolgen)
- Kontroll- und Unsicherheitsbedrohung (Unvorhersehbarkeit, Ambivalenz)
Unter chronischer Belastung kann die Bedrohungswahrnehmung generalisieren: neutrale Reize werden schneller als gefährlich interpretiert (Hypervigilanz), die präfrontale Regulation nimmt ab, und Schutzstrategien (Vermeidung, Überkontrolle, Rückzug) stabilisieren sich. Wichtig: Das beschreibt Regulationslogik, keine Diagnose.
Im Coaching-Kontext dient die Unterscheidung zwischen Gefahr (objektiv) und Bedrohung (subjektiv bewertet) dazu, Stressreaktionen zu verstehen, Aufmerksamkeits- und Bewertungsprozesse zu differenzieren und handlungsrelevante Sicherheit herzustellen. Ziel ist nicht das „Abschalten“ von Alarmreaktionen, sondern deren kontextangemessene Einordnung und die Wiederherstellung kognitiver Flexibilität.

