Autonome Stressreaktionen sind automatische, unwillkürliche körperliche und neurophysiologische Prozesse, die durch das autonome Nervensystem (ANS) ausgelöst werden, wenn das Gehirn eine Situation als bedeutsam, herausfordernd oder potenziell bedrohlich bewertet. Diese Reaktionen sind evolutionsbiologisch verankert und entstehen überwiegend im Zusammenspiel zwischen Sympathikus, Parasympathikus, Hypothalamus, Hirnstamm, Amygdala und der HPA-Achse (Hypothalamus–Hypophysen–Nebennieren-Achse). Sie laufen schnell, automatisch und größtenteils ohne bewusste Steuerung ab und dienen primär der Energie-, Aufmerksamkeits- und Handlungsmobilisierung.
Autonome Stressreaktionen umfassen physiologische Veränderungen wie beschleunigte Herzfrequenz, erhöhte Muskelspannung, schnellere Atmung, weite Pupillen, Ausschüttung von Stresshormonen (z. B. Cortisol, Adrenalin), erhöhte Vigilanz, veränderte Durchblutung und eine kurzfristige Priorisierung überlebensrelevanter Systeme. Aus neurobiologischer Sicht betreffen diese Reaktionen mehrere Systeme gleichzeitig: das autonome Nervensystem, das endokrine System, das Immunsystem, motorische Netzwerke, sowie die Top-Down-Regulationszentren im präfrontalen Cortex.
Psychologisch wirkt Stress auf Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung und Emotionsverarbeitung. Er fördert Tunnelblick, beschleunigte Reizverarbeitung, verstärkte Gefahrenorientierung und reduzierte kognitive Flexibilität. Gleichzeitig hemmt er nicht-akute Prozesse wie Verdauung, Erholung, komplexe Planung oder reflektiertes Denken.
Autonome Stressreaktionen sind nicht per se negativ; sie verbessern kurzfristig Reaktionsgeschwindigkeit, Fokus und Energie. Problematisch werden sie, wenn sie zu häufig, zu intensiv oder zu lange aktiviert bleiben — also wenn kurzfristige Schutzmechanismen in einen Zustand chronischer Aktivierung übergehen. Dann beeinträchtigen sie Schlaf, Konzentration, Immunsystem, Stoffwechsel, Stimmung, Sozialverhalten und langfristige Regenerationsfähigkeit. Besonders bedeutsam ist, dass autonome Stressreaktionen vor-kognitiv auftreten: Sie setzen ein, bevor rationale Bewertung oder bewusste Selbstregulation greifen können.
In Coaching-Kontexten ist die Einordnung autonomer Stressreaktionen hilfreich, um Verhaltensmuster, Leistungsfähigkeit, Selbstwahrnehmung, Entscheidungsprozesse und zwischenmenschliche Dynamiken zu verstehen. Es geht nicht um therapeutische Interventionen, sondern um das Verstehen der biologischen Grundlagen von Selbstregulation und um das Erkennen der Bedingungen, unter denen Regulation erschwert oder erleichtert wird.

