Autoimmun-Stressmechanismen beschreiben die physiologischen und immunologischen Prozesse, durch die chronischer psychobiologischer Stress entzündliche Aktivität verstärkt und damit die Fehlregulation des Immunsystems begünstigt. Sie stehen im Zentrum moderner Psycho-Neuro-Immunologie (PNI), die untersucht, wie das Zusammenspiel von Gehirn, Nerven-, Hormon- und Immunsystem langfristige Gesundheitsprozesse beeinflusst. Chronisch erhöhte Stressreaktivität – insbesondere eine dauerhaft aktivierte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und gesteigerte Sympathikusaktivität – führt zu veränderten Cortisolprofilen, reduzierter Glukokortikoid-Sensitivität und einer überschießenden Produktion proinflammatorischer Zytokine wie IL-6, TNF-α oder IL-1β. Diese immunologischen Veränderungen können autoimmunologische Tendenzen verstärken, indem sie T-Zell-Differenzierung, Antigenpräsentation, Gewebssensitivität und Entzündungsantworten beeinflussen.
Stress moduliert diese Prozesse auf mehreren Ebenen:
- Neuroendokrin: Dysregulierte Cortisolausschüttung vermindert die natürliche Entzündungshemmung.
- Autonom: Daueraktivierter Sympathikus steigert Zytokinproduktion, Gefäßpermeabilität und immunologische Alarmbereitschaft.
- Zentralnervös: Die Amygdala, das limbische System und präfrontale Netzwerke beeinflussen via neuroimmunen Signalwegen die Aktivität von Mikroglia und systemischen Immunzellen.
- Verhalten: Schlafmangel, reduzierte Erholungsfähigkeit, Grübeln und Überlastung fördern inflammatorische Muster zusätzlich.
Autoimmun-Stressmechanismen bedeuten nicht, dass Stress Autoimmunerkrankungen „verursacht“, sondern dass Stress ein relevanter Modulator immunologischer Prozesse ist, der Schweregrad, Symptomintensität und Reaktivität beeinflussen kann. Die Befunde sind breit repliziert und gelten heute als zentraler Forschungszweig der Stress- und Immunologie.
Psychologische Faktoren
Psychologische Belastungen wie soziale Unsicherheit, emotionale Überforderung, Grübeln, Selbstkritik oder dauerhafte Leistungsansprüche erhöhen die Stresssensitivität des Immunsystems. Diese Muster modulieren über neuronale Bewertungsprozesse im präfrontalen Cortex und limbischen System die HPA-Achse und das autonome Nervensystem und tragen so zu immunologischer Dysbalance bei.
Physiologische Faktoren
Physiologisch wirken Stressmechanismen über:
- Cortisolrhythmus (zirkadianer Shift, Morgenpeak-Abflachung)
- sympathische Überaktivität (Noradrenalin/Adrenalin)
- vagale Dysregulation (niedrige HRV)
- Mikroglia-Aktivierung
- veränderte Barrierefunktionen (z. B. Darmpermeabilität)
Diese Faktoren beeinflussen die Intensität systemischer Entzündungsprozesse und damit die immunologische Belastbarkeit.
Relevanz für Coaching (nicht therapeutisch)
Im Coaching-Kontext können Autoimmun-Stressmechanismen evidenzbasiert genutzt werden, um Klient*innen zu unterstützen, ihre Belastungsfaktoren, Erholungsfähigkeiten, Stressquellen und Regenerationsroutinen besser zu verstehen. Es geht nicht um Behandlung, sondern um Orientierung, Selbstregulation und Stresskompetenz, die indirekt zur Stabilisierung physiologischer Stresssysteme beitragen können.

