Achtsamkeit (engl. mindfulness) bezeichnet in der wissenschaftlichen Psychologie einen bewusst ausgerichteten Aufmerksamkeitszustand, in dem innere Erfahrungen (Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen) und äußere Reize absichtsvoll, im gegenwärtigen Moment und ohne wertende Bewertung wahrgenommen werden. Im Unterschied zu bloßer Aufmerksamkeit geht es bei Achtsamkeit nicht nur darum, was wahrgenommen wird, sondern wie: mit einer Haltung von Neugier, Akzeptanz und freundlicher Distanz gegenüber dem Erlebten.
Aus psychologischer Sicht ist Achtsamkeit ein trainierbares Selbstregulations-Konstrukt. Sie umfasst drei Kernprozesse:
- Aufmerksamkeitsfokussierung (z. B. auf Atem, Körper, aktuelle Tätigkeit),
- Metakognition (Beobachten von Gedanken als mentale Ereignisse statt als Tatsachen) und
- Haltungsaspekte wie Nicht-Urteilen, Geduld und Selbstmitgefühl.
Diese Komponenten unterstützen Emotionsregulation, Impulskontrolle und kognitive Flexibilität und sind daher eng mit Stressbewältigung, Resilienz und psychischer Gesundheit verbunden.
Neurophysiologisch steht Achtsamkeit in Zusammenhang mit Veränderungen in Netzwerken der Aufmerksamkeitssteuerung (präfrontaler Cortex, anteriorer cingulärer Cortex), der Emotionsverarbeitung (Amygdala, Insula) und der Selbstreferenz (Default-Mode-Netzwerk). Regelmäßige achtsamkeitsbasierte Praxis wird in Studien mit reduzierter Stressreaktivität (z. B. geringere Cortisol-Antworten), verbesserter Herzratenvariabilität und einer besseren Regulation des autonomen Nervensystems in Verbindung gebracht. Sie wirkt damit als regulierender Faktor auf das Zusammenspiel von Psyche, Körper und Verhalten.
In der Stress- und Gesundheitspsychologie gilt Achtsamkeit als wichtiger Schutzfaktor: Menschen mit höherer dispositionaler Achtsamkeit berichten häufig weniger Grübeln, geringere emotionale Überreaktionen und ein differenzierteres Körpererleben. Dadurch lassen sich Frühwarnsignale von Überlastung, Schlafstörungen, Schmerzverstärkung oder stressbedingten Spannungsmustern früher wahrnehmen und kontextangemessener beantworten.
Wichtig ist die Abgrenzung: Achtsamkeit ist weder Entspannungstechnik im engen Sinne noch positives Denken. Sie zielt nicht primär auf „gute Gefühle“, sondern auf Klarheit im Erleben – auch gegenüber unangenehmen Emotionen oder Körperempfindungen. Diese akzeptierende Klarheit schafft die Grundlage für bewusstere Entscheidungen, werteorientiertes Handeln und nachhaltige Selbstführung im Alltag, im Beruf, im Sport und in herausfordernden Lebensphasen.

