A) Klinische / traumafokussierte / psychiatrische Definition
(mit klarer nachfolgender Abgrenzung zum Coaching-Kontext)
In der klinischen Psychologie, Psychiatrie und Traumaforschung bezeichnet Abgespaltenheit (häufig im Rahmen von Dissoziation beschrieben) einen Zustand, in dem bestimmte emotionale, kognitive oder körperliche Erfahrungen teilweise oder vollständig vom bewussten Erleben getrennt sind. Dies kann sich u. a. zeigen als:
- eingeschränkter Zugang zu Gefühlen,
- Wahrnehmungslücken,
- Distanzierung vom eigenen Körper oder Erleben (Depersonalisation),
- fragmentarische Erinnerung,
- Trennung zwischen „wissendem Selbst“ und „fühlendem Selbst“.
Im traumafokussierten Kontext gilt Abgespaltenheit als Schutzmechanismus, der bei überwältigenden, nicht regulierbaren Stress- oder Gefahrensituationen auftreten kann. Diese Prozesse sind eng verbunden mit veränderten Aktivierungsmustern im autonomen Nervensystem, kortikalen und subkortikalen Netzwerken (v. a. medialer präfrontaler Kortex, Amygdala, Insula) sowie Stressreaktionen der HPA-Achse.
Wichtig: Diese Phänomene sind klar diagnostisch, werden klinisch abgeklärt und therapeutisch behandelt. Sie gehören nicht in Coaching, Beratung oder nicht-klinische Settings.
Im Folgenden erfolgt die nicht-diagnostische, wissenschaftlich saubere Variante, die in Coaching, Selbstregulation und Persönlichkeitsentwicklung relevant ist — klar abgegrenzt von klinischen Dissoziationsformen.
B) Wissenschaftlich-psychologische Definition (nicht diagnostisch, coaching-kompatibel)
In nicht-klinischen Kontexten beschreibt Abgespaltenheit eine funktionale Trennung zwischen verschiedenen Elementen des inneren Erlebens, die unter Belastung oder durch erlernte Muster entstehen kann. Der Begriff bezieht sich hier auf getrennte Aufmerksamkeits- oder Wahrnehmungsanteile, z. B.:
- reduzierte emotionale Zugänglichkeit,
- eingeschränkte Körperwahrnehmung,
- kognitive Dominanz bei gleichzeitiger emotionaler Unklarheit,
- „automatisches“ Handeln ohne bewusste innere Einbindung,
- situative Distanzierung von Bedürfnissen oder Impulsen.
Diese Form von Abgespaltenheit ist keine Störung, sondern ein regulatives, stressabhängiges Muster, das in vielen Modellen der Emotionspsychologie, Motivationspsychologie und Stressforschung beschrieben wird. Es umfasst typische Phänomene wie:
- Fokusverschiebung im präfrontalen Cortex bei hoher Anforderung,
- Verringerte Interozeption (z. B. unter Stress),
- Priorisierung von Problemlösung statt emotionaler Reflexion,
- Trennung zwischen Handlung („ich funktioniere“) und Empfinden („ich fühle es nicht vollständig“).
In Coaching und Selbstregulation wird Abgespaltenheit nicht als Pathologie, sondern als Hinweis auf Belastungsmuster, Bewertungsvorgänge und neurobiologische Fokusverschiebungen verstanden, die reflektiert und kontextualisiert werden können.
Zentrale wissenschaftliche Einordnungen:
- Stress erhöht Top-Down-Kontrolle, reduziert aber emotionale Integration.
- Hohe Erregung verringert Körperwahrnehmung und differenzierte emotionale Verarbeitung.
- Rollenanforderungen (z. B. im Beruf) fördern funktionale Distanzierungsmuster.
- Erlernte Selbstschutzstrategien können Teil von Persönlichkeits- und Bindungsmustern sein.
Diese Sichtweise ermöglicht eine sachliche, nicht-pathologisierende Nutzung des Begriffs in Beratungs- und Coachingkontexten.

