Dysregulierte Stressphysiologie beschreibt einen Zustand, in dem die biologischen Stresssysteme – insbesondere die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), das autonome Nervensystem (Sympathikus/Parasympathikus) und damit verbundene hormonelle, neurologische und immunologische Prozesse – nicht mehr angemessen auf Anforderungen reagieren. Statt einer flexiblen Anpassung zeigt das System eine übersteigerte, fehlangepasste oder abgeflachte Reaktionsbereitschaft. Solche Muster entstehen nicht durch einzelne Stressoren, sondern durch langanhaltende Belastungen, fehlende Erholungsphasen, dauerhafte kognitive Überaktivierung, mangelnde Schlafqualität oder emotionalen Druck, die die Regulation der physiologischen Erregung fortlaufend beanspruchen.
Auf biologischer Ebene äußert sich Dysregulation in veränderten Cortisolprofilen (z. B. abgeflachte Tageskurven, erhöhte Abendwerte, abgeschwächte Peaks), einer überhöhten oder dauerhaft aktivierten Sympathikusaktivität, erhöhter Herzfrequenzvariabilitäts-Reduktion (HRV), gestörten Schlaf-Wach-Rhythmen und einer veränderten Interaktion zwischen Stress-, Immun- und Energiesystemen. Psychologisch zeigt sich dies in erhöhter Reizoffenheit, verminderter Belastungstoleranz, kognitiver Erschöpfung, erschwerter Emotionsregulation und einer schnelleren Übergangsbereitschaft in Kampf- oder Fluchtmuster.
In Coaching-Kontexten wird nicht diagnostisch gearbeitet, sondern dysregulierte Stressphysiologie wird als hinweisgebendes Funktionsprinzip verstanden: belastete Personen erleben oft eine reduzierte Selbstwahrnehmung, erschwerte Priorisierung, geringere Erholungsfähigkeit oder verstärkte Muster wie Überanpassung, Kontrollverhalten oder Vermeidung. Das Ziel ist die Reflexion der eigenen Belastungsreaktionen, die Stärkung von Selbstregulation und die Förderung funktionaler Erholungs- und Aufmerksamkeitsmuster, ohne therapeutische oder medizinische Interventionen.

